| Rainer Hammwöhner, Marc Rittberger, Wolfgang
Semar (Hg.)
Wissen in Aktion
Der Primat der Pragmatik als Motto der Konstanzer
Informationswissenschaft. Festschrift für Rainer Kuhlen
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Vorwort
Diese Festschrift ist Rainer Kuhlen zu seinem 60. Geburtstag gewidmet.
Mit ihrem Motto Wissen in Aktion und dem breiten Spektrum der Beiträge,
welche die Deutsche Informationswissenschaft und angrenzende Gebiete
– Informatik, Wirtschaftsinformatik, Psychologie, Sprachwissenschaft
– repräsentieren, spiegelt sie Rainer Kuhlens Arbeitsweise
wider: philosophisch begründet, breit interdisziplinär
angelegt, auf der Höhe der aktuellen Diskussion, wie es sich
bspw. in seinen herausragenden Standardwerken zu Hypertext (1992),
Informationsmarkt (1995) oder Informationsassistenten (1999) zeigt.
Alle Autoren der Festschrift sind Rainer Kuhlen vielfältig
persönlich und beruflich verbunden: als Mitstreiter im Hochschulverband
Informations-wissenschaft, als Kollegen im Fachbereich Informationswissenschaft
der Universität Konstanz, als Doktoranden, Habilitanden und
Studenten der Konstanzer Informationswissenschaft.
Früher pflegte man die Reputation von Wissenschaftlern an
ihrer Fähigkeit zu messen, Schulen zu begründen. Denkt
man in diesen Bahnen, so kann man die „Kuhlen’sche Schule“
in diesem Band repräsentiert finden.
In seinem Vorwort zur Festschrift zu Ehren von Gerhard Lustig stellte
Rainer Kuhlen vor 12 Jahren fest, Festschriften hätten in der
deutschen Informations-wissenschaft noch keine Tradition. Bei einem
so jungen Fach war viel Tradition wohl auch nicht zu erwarten. Heute
verfügt die deutsche Informationswissenschaft über einen
reichen Schatz an Wissenschaftsritualen: ein Hochschulverband vertritt
die Interessen des Fachs, eine internationale Konferenz versammelt
alle zwei Jahre die aktiven Forscher der Disziplin, eine Schriftenreihe
zur Informationswissenschaft reflektiert kontinuierliche wissenschaftliche
Arbeit der deutschsprachigen Informationswissenschaft. Alle diese
Aktivitäten tragen auch die Handschrift von Rainer Kuhlen.
Sie sind auch außerhalb der Informationswissenschaft nicht
unentdeckt geblieben. So ist Rainer Kuhlen SEL-Preisträger
für technische Kommunikation, er hatte eine Stiftungsprofessur
an der TH Darmstadt und eine Gastprofessor an der Humboldt-Universität
inne und ist als Inhaber des „UNESCO Chair of Communication“
für Deutschland geehrt worden.
Es ist daher nur recht und billig, dass die von ihm begründete
Tradition der informationswissenschaftlichen Festschrift nun an
ihm selbst ihren Gegenstand findet. Die Beiträge dieser Festschrift
reflektieren die schon angesprochene Breite der „Kuhlen’schen
Schule“, sind doch aus den unterschiedlichen Teildisziplinen
der Informationswissenschaft Beiträge eingegangen. Auch zeigen
sie, dass die Informationswissenschaft eine Ausstrahlung auf benachbarte
Gebiete der Linguistik, Psychologie, Informatik und Wirtschaftsinformatik,
aber auch im Informationsrecht oder bei der Bildung hat.
Die Herausgeber haben versucht die Beiträge in sechs Kategorien
einzuordnen, wobei einige der Themenschwerpunkte von Rainer Kuhlens
eigenen Forschungsaktivitäten aufgenommen werden konnten. Erfreulich
und ein deutliches Indiz für die Produktivität von Rainer
Kuhlen ist, dass sich immerhin fünf Beiträge mit Kuhlen’schen
Thesen unmittelbar auseinandersetzen und sie diskutieren.
In der Kategorie „Experimentelles Information Retrieval“
finden sich fünf Beiträge. Harald Reiterer geht in „Visuelle
Recherchesysteme zur Unterstützung der Wissensverarbeitung“
auf die Möglichketien der Visualisierung von Recherchen und
Rechercheergbenissen ein, um eine effektive und effiziente Nutzung
von Information Retrieval und Data Mining-Systemen durch den Suchenden
zu ermöglichen. Anhand mehrerer Beispiele zeigt er Vor- und
Nachteile auf. Er macht dabei deutlich wie wichtig ein benutzerzentriertes,
systematisches Arbeiten im Umfeld der Entwicklung von visuellen
Suchsystemen ist. Manfred Wettler von der Universität Paderborn
stellt in seinem Beitrag „Psychologische Theorien sind Information-Retrieval-Verfahren“
drei allgemeine psychologische Gesetze und für jedes dieser
Gesetze einen entsprechenden Algorithmus im Information Retrieval
vor. Er begründet diese Analogie damit, dass beide Ansätze
versuchen vorauszusagen, was kommt. Bernard Bekavac und Joachim
Griesbaum von der HTW Chur und der Universität Konstanz geben
mit „Von der Kommerzialisierung bis zum Deep Web: Problemfelder
der Internetsuche einen Überblick über Web-Suchdienste
und diskutieren deren Eigenschaften und Defizite. Sie stellen dazu
die verschiedenen Suchdienstetypen vor und beschreiben die Verfahren
zur Dokumentbeschaffung und Sortierung von Ergebnislisten. Udo Hahn
von der Universität Freiburg gibt mit „Die Verdichtung
textuellen Wissens zu Information - Vom Wandel methodischer Paradigmen
beim automatischen Abstracting“ einen umfangreichen Überblick
zu den Verfahren des automatischen Abstracting und Extracting. Er
beschreibt die verschiedenen Wandel, die die Disziplin durchgemacht
hat und zeigt wie das experimentelle Primat der Systemevaluierung
auch in eher technologisch orientierte Disziplinen erfolgreich eingezogen
ist. Ulrich Reimer von Business Operation Systems bewegt sich in
seinem Beitrag „Von textbasiertem zu inhaltsorientiertem Wissensmanagement:
Die Rolle von Terminologien und Ontologien“ im Umfeld des
Information Retrieval. Er macht anhand zweier Beispiele, des Skill
Managements und der Reformulierung von Suchfragen, die Einsatzmöglichkeiten
und Verbesserungspotenziale durch den Einsatz von Terminologien
deutlich.
Die Kategorie Informationstheorie enthält vier Beiträge.
Rainer Hammwöhner von der Universität Regensburg analysiert
in „Besuch bei alten Bekannten. Zu den Sprachspielen mit dem
Informationsbegriff“ die Sprachspiele von Rainer Kuhlen, ergänzt
und diskutiert ihre Reichweite. Schliesslich diskutiert er die in
Kuhlens „Information ist Wissen in Aktion“ angesprochene
Beziehung zwischen Information und Wissen und plädiert mit
Hilfe von sieben Thesen dafür den Informationsbegriff nicht
vom Wissens- und Wahrheitsbegriff zu lösen. Norbert Henrichs
von der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf schlägt
in seinem Beitrag „Was
heißt handlungsrelevantes Wissen?“ ein Kontextmanagement
vor, um erfolgreich handlungsrelevante Information zu erarbeiten.
Er unterscheidet seine Betrachtungen in die Handlungsanalyse und
die eigentliche kontextorientierte Suche und folgert aus diesen
Betrachtungen Konsequenzen für die Informationsbranche. Wolf
Rauch von der Karl-Franzens-Universität Graz nimmt sich in
seinem Beitrag „Die Dynamisierung des Informationsbegriffes“
der griffigen Formel „Wissen in Aktion“ an. Er zeigt,
dass die Erweiterung des Informationsbegriffs um eine zeitliche
Dimension in verschiedenen Wissenschaftsbereichen fast gleichzeitig
geschah. Sameer Patil und Alfred Kobsa von der University of California,
Irvine diskutieren in ihrem Beitrag „Preserving Privacy in
Awareness Systems” die Probleme bei der verteilten Softwareentwicklung
zwischen Phasen der aktiven Partizipation und dem Wunsch der Softwareentwickler
nach Privacy-Zeiten. Sie beschreiben einige Faktoren des Privacy-Managements
anhand von Instant Messaging.
Eine weitere Kategorie zur „Information im Kontext“
beinhaltet drei Beiträge an der Schnittstelle zu anderen Wissenschaftsdisziplinen.
Gabriele Beger von der Zentral- und Landesbibliothek Berlin diskutiert
in ihrem Beitrag „Hält § 52 a UrhG dem urheberrechtlichen
Dreistufentest stand?“ die Konsequenzen des § 52 a und
die gegen §52 a vorgebrachten Bedenken. Sie stellt den Dreistufentest
(Begrenzung einer Ausnahme auf bestimmte Sonderfälle, normale
Verwertung darf nicht behindert werden, unverhältnismäßige
Verletzung von berechtigten Interessen der Urheber muss durch eine
angemessene Vergütung geheilt werden) dar, den §52 a erfüllen
muss, um über das Jahr 2006 hinaus zu gelten. Erich Ortner
von der Technischen Universität Darmstadt legt in „Anthropozentrik
und Sprachbasierung in der (Wirtschafts-)Informatik“ die zentralen
Begriffe dieser Sicht auf die Wirtschaftsinformatik dar. Zur genaueren
Erläuterung stellt er einen passenden methodologischen Rahmen
für die Anwendungs-systementwicklung vor. Marc Rittberger von
der HEG Genève vergleicht „Vertrauen und Qualität
in Informationsdienste. Wo finde ich Vertrauen im Information Quality
Framework?“. Es werden Kriterien für Vertrauen in Informationsdienste
identifiziert. Er analysiert vier Information Quality Frameworks
und setzt sie mit den Vertrauenskriterien in Relation.
Die Kategorie „Informationsversorgung“ fasst fünf
Beiträge zur Situation der Informationsversorgung zusammen.
Jürgen Krause bezieht sich in seinem Beitrag „Zur Problematik
eines Gedankenexperiments über die Informationsversorgung der
Wissenschaften“ auf den FAZ-Artikel Rainer Kuhlens und analysiert
die Informationsversorgung im Zeitalter des Webs. Er schlägt
ein engeres Miteinander der Webwelt und der dokumentarisch-bibliothekarischen
Welt vor. Thomas Seeger nimmt in seinem Beitrag „Ein Blick
voraus in die Vergangenheit. Von Visionen und Konzepten der frühen
Dokumentationsbewegung“ die Abspaltung der Dokumentation vom
Bibliothekswesen auf. Er geht dabei auf die Bedeutung und die dahinter
stehenden Visionen des Aufbaus eines Gesamtrepertoires des Weltwissens
mit dokumentarischen Hilfsmitteln ein. Achim Osswald von der Fachhochschule
Köln analysiert in „eBook-Angebotskonzepte von Aggregatoren
für Bibliotheken“ das Angebot wie auch die Nutzung von
webbasierten eBooks mit Schwerpunkt auf Aggregatorenangeboten. Dabei
werden die Angebotskonzepte, die Nutzungsmöglichkeiten, mögliche
E-Book-Konzepte und die informationellen Mehrwerte durch die digitale
Bereitstellung diskutiert. Ilse Maria Harms von der Universität
des Saarlands bezieht sich in ihrem Beitrag „Auf dem Weg zur
Reduktion der Komplexität des sozialen Koordinationssystems“
auf die immerhin 34 Millionen behinderten Bürger in der EU.
Sie zeigt, dass durch die gesetzliche Vorgabe von Gestaltungsstandards
zur Barrierefreiheit der Bereich des Webdesigns insgesamt weiter
professionalisiert wird. Damit können die Potenziale der Informations-
und Kommunikationstechnologie zur Erbringung der gesellschaftlich
relevanten Koordinationsleistungen besser ausgenutzt werden. Josef
Herget von der HTW Chur beschreibt in „Das informationswissenschaftliche
Ausbildungsangebot für Information Professionals in der Schweiz“
die aktuelle Situation der Hochschulausbildung mit Fokus auf die
Veränderungen des Ausbildungsstandortes Chur.
Der Kategorie „Wissensmanagement“ konnten vier Arbeiten
zugeordnet werden. Jubran Rajub und Claus Rautenstrauch von der
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg stellen das Wissensmanagement-Tool
TecNavigator vor. Sie diskutieren die verschiedenen Komponenten
anhand des Einsatzes in der Westfälische Genossenschafts-Zentalbank
e. G. TecNavigator unterstützt dabei vorwiegend strategische
und administrative Aufgaben des
Informationsmanagements. Herbert Stoyan berichtet mit Kollegen in
„Wissenserwerb und Wissensmanagement“ über die
Entwicklung der Arbeiten
zum Wissenserwerb am FORWISS in Erlangen. Über die Entwicklung
von
Interviewdurchführungsunterstützung, Standardisierung
von Fachsprachen,
Requirements-Engineering-Assistenten hin zum Wissenserwerb für
Wissensmanagement mittels Interviews wird ein Bogen geschlagen.
Die
Probleme und Erfahrungen zum letzten Punkt werden ausführlich
diskutiert. Fahri Yetim vom New Jersey Institute of Technology
beschreibt in seinem Beitrag „Universal Actability of and
with
Knowledge: Managing and Communicating Knowledge with Patterns“
wie
Wissen strukturiert verwaltet und kommuniziert werden kann. Harald
Zimmernmann von der Universität des Saarlandes erläutert
in seinem
Beitrag „Der ‚Nietzsche-Thesaurus’ des Nietzsche-Online-Portals“
den
Aufbau eines relationierten Zugangssystems. Dabei soll ein Thesaurus
entstehen, mit dem online auf die Zitatstellen des Lexikons der
Nietzsche-Zitate zugegriffen werden kann.
Dem aktuellen Forschungskontext von Rainer Kuhlen ganz nah sind
drei
unter dem Aspekt des „kooperativen Informationsmanagement“
zusammengefassten Arbeiten. Christa Womser-Hacker von der Universität
Hildesheim macht mit ihrem Beitrag „Ein mehrsprachiges
Kommunikationsforum zur Unterstützung von Lernprozessen ohne
Sprachbarrieren“ den Anfang und berichtet über die Entwicklung
eines
Diskussions- und Kommunikationsforums in einer elektronischen
Lernumgebung. Dabei sollen Teilnehmer mit unterschiedlichen
Muttersprachen und Kulturen unterstützt werden. Wolfgang Finke
von der
Fachhochschule Jena beschäftigt sich in „Basic LMS Architecture
for
Learner-Centric. LearnFlows or How Reusable Learning Objects Fit
into
Co-Constructivist Learning Processes“ mit der Standardisierung
in
E-learning-Systemen. Der aktuelle Stand der Standardisierung wird
vorgestellt und die technischen Standards den Anforderungen und
der
Komplexität E-learning-Umgebungen für Erwachsenen gegenüber
gestellt.
Eine an der Arbeitsweise und dem Lernverfahren orientierte Lernumgebung
wird vorgeschlagen und ihre Charakteristiken vorgestellt. Wolfgang
Semar, Joachim Griesbaum, Jagoda König-Mistric, Andreas Lenich
und
Thomas Schütz stellen in „K3 – Wissensmanagement
über kooperative
verteilte Formen der Produktion und der Aneignung von Wissen zur
Bildung
von konzeptueller Informationskompetenz durch Nutzung heterogener
Informationsressourcen“ ein aktuell am Konstanzer Lehrstuhl
für
Informationswissenschaft durchgeführtes Projekt zur Überwindung
der
Informationskompetenzdefizite bei Studierenden vor. K3 will die
Informationskompetenz von Studierenden durch den Aufbau lehrebezogener
individueller und kooperativer Wissensplattformen fördern und
einen
konzeptionellen und organisatorischen Rahmen für ein hochschul-
bzw.
ausbildungsspezifisches Wissensmanagement schaffen.
Festschriften, so sehr sie der aktuellen Wissenschaft verpflichtet
sein
mögen, tragen immer das Risiko, den Charakter eines vorgezogenen
Nachrufs anzunehmen. Rainer Kuhlen hat dieses Risiko für sich
minimiert.
Immer, wenn man rückblickend etwas über ihn sagen will,
ist er aktuell
schon wieder zu neuen Ufern aufgebrochen. Experimentelles Information
Retrieval, automatisches Abstracting, Hypermedia, Theorie der
Information, Informationsassistenten, kooperatives Arbeiten,
Informationsethik und Informationspolitik, was auch immer er angefangen
hat, war von hochkarätiger, geförderter Forschung begleitet.
Rainer Kuhlen, so kann man es zusammenfassen redet nicht nur darüber,
er
ist Wissen in Aktion.
Der Hochschulverband Informationswissenschaft, der Fachbereich
Informatik und Informationswissenschaft der Universität Konstanz,
die
Autoren und Herausgeber dieses Bandes und mit ihnen die gesamte
Fachöffentlichkeit wünschen ihm alles Gute zu seinem 60.
Geburtstag.
Die Herausgeber, Regensburg, Genf und Konstanz, 9. Juli 2004
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