Maximilian Eibl, Christian Wolff, Christa Womser-Hacker (Hg.)

Designing Information Systems

Festschrift für Jürgen Krause

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Vorwort

Der Titel Designing Information Systems für die Festschrift zu Jürgen Krauses 60. Geburtstag ist bewusst ambig gewählt, um das breite Spektrum seiner wissenschaftlichen Tätigkeit abdecken zu können. Reicht es doch vom Design von Informationssystemen als Frage der technischen Konzeption bis hin zum Design als ästhetischer Herausforderung. Die eindrucksvolle Sammlung von Forschungsfeldern, zu denen Jürgen Krause wesentliche Beiträge geleistet hat (Informationsbegriff, Objektorientierung, Modellbildung, Information Retrieval, Evaluation, Visualisierung, Sprachverarbeitung, Heterogenität), findet ihre ordnende Klammer in dem übergeordneten Bemühen, einen Beitrag zur Gestaltung menschengerechter Informationstechnologie zu leisten.

Seinen wissenschaftlichen Werdegang begann Jürgen Krause 1965 mit dem Studium der Germanistik, Geschichte und Sozialkunde an den Universitäten Würzburg und Regensburg, welches er 1971 mit dem Staatsexamen abschloss. Anschließend wandte er sich zunächst der germanistischen Linguistik zu und promovierte 1976 über das Verb „geschehen“ bei Klaus Matzel in Regensburg. Frühzeitig widmete er sich der Nichtnumerischen Datenverarbeitung, einem in den 70er Jahren neuen Forschungsgebiet zwischen sich etablierender Informatik und den Geisteswissenschaften.

Seine Untersuchungen zu linguistischen Phänomenen im Mensch-Maschine- Dialog, die 1981 in die Habilitation mündeten, stellten nicht nur eine neue Konzeption für die Modellierung natürlichsprachlicher Systeme dar, sondern rückten auch methodisch den Benutzer ins Zentrum der Systementwicklung.

Seit 1981 war Jürgen Krause Professor für Linguistische Informationswissenschaft an der Universität Regensburg. Hier entstand unter seiner Regie einer der ersten informationswissenschaftlichen Standorte mit zahlreichen großen Forschungsprojekten auf den Gebieten Evaluierung von Information Retrieval-Systemen (Projekt PADOK in Kooperation mit dem Fachinformationszentrum Karlsruhe und dem Deutschen Patentamt), benutzergerechter Entwurf von Bürosoftware (Projekt ComfoTex in Zusammenarbeit mit der Siemens AG, München) sowie Entwurf und Vergleich multimodaler Benutzerschnittstellen für Werkstoffinformationssysteme (Projekt WING-IIR unter Beteiligung von vielen industriellen Partnern). Frühzeitig erfuhr hier der Paradigmenwechsel in der Benutzerschnittstellengestaltung hin zu grafischdirektmanipulativen Oberflächen eine wissenschaftliche Fundierung.

Jürgen Krause sah sich bei all seinen Aktivitäten stets einem empirischen Ansatz verpflichtet, der durch detailgetreue Analyse einsatzfähige Konzepte der
Softwaregestaltung befördert. Mehr als zehn Jahre lang prägte er an der Universität Regensburg das Studium der „LI“, d. h. der Linguistischen Informationswissenschaft, und viele Studentinnen und Studenten erhielten hier ihr informationswissenschaftliches Fundament.

1994 wechselte Jürgen Krause von Regensburg nach Koblenz-Landau und von der (Linguistischen) Informationswissenschaft in die (Angewandte) Informatik und übernahm gleichzeitig die wissenschaftliche Leitung des Informationszentrums Sozialwissenschaften in Bonn. Auch in diesem Umfeld gelang es ihm, neben Weiterführung und Ausbau der breit gefächerten Informationsdienstleistungen einer solchen Infrastruktureinrichtung auch in der Forschung Akzente zu setzen. Besonders hervorzuheben ist das langjährige Projekt ELIVRA, das von großen Industrieverbänden wie dem Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) und dem Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie (ZVEI) gefördert wurde.

Mit dem Wechsel nach Bonn wandelte sich nicht die methodische, sehr wohl aber die inhaltliche Ausrichtung seiner Forschungsprojekte. Handelte es sich in seiner Regensburger Zeit um breit gefächerte Inhalte von Patenten über Wirtschaftsdaten zu Werkstoffen, so konzentrieren sich seine jüngeren Vorhaben stärker auf den Bereich der Sozialwissenschaften. Genannt seien hier GESINE, ein Recherchesystem für Sozialwissenschaftliche Fakten und Textdaten, oder ViBSoz, die Virtuelle Fachbibliothek Sozialwissenschaften.

Bereits Mitte der 1990er Jahre begann Jürgen Krause die ästhetische Wirkung von Benutzungsoberflächen zu untersuchen und baute Kooperationen mit der Hochschule für Gestaltung, Offenbach, und der Bauhaus-Universität Weimar auf. Was sich mittlerweile breiter Zustimmung erfreut – die Zusammenführung von Softwareergonomie und ästhetischem Design – war damals noch ein ebenso innovativer wie interdisziplinärer Forschungsansatz. In dem GESINE- Teilprojekt DEViD wurde ein Recherchesystem nach den Kriterien der Softwareergonomie und des ästhetischen Designs konstruiert. Im Projekt infoconnex wird seit 2001 ein komplettes Informationssystem in seiner ganzen Komplexität nach diesen Kriterien gestaltet. Nicht zuletzt geht die Berücksichtigung gestalterischer Aspekte bei der Tagungsreihe Mensch und Computer (M&C) auf sein Engagement zurück. Sein Einwirken auf diesem Gebiet verdeutlicht auch der vom ihm vorangetriebene Aufbau eines Studiengangs Computervisualistik in Verbindung mit dem ebenfalls neu gegründeten Institut für Computervisualistik an der Universität Koblenz-Landau, an dem seine Professur heute auch angesiedelt ist.

Neben den Fragen der Oberflächengestaltung hat sich Jürgen Krause in seiner Bonner Zeit auch vermehrt mit der Problematik heterogener Datenbestände und ihrer Erschließung befasst. Bereits im ELVIRA-Projekt wurden die Grundlagen für eine systematische Heterogenitätsbehandlung in Informationssystemen gelegt und in den Projekten CARMEN und DAFFODIL für die Sozialwissenschaften ausgebaut. Den derzeitigen Schwerpunkt seiner Heterogenitätsforschung stellt das Teilprojekt Modellbildung und Heterogenitätsbehandlung im Projekt Kompetenznetzwerke Neue Dienste, Standardisierung, Metadaten dar.

Zahlreiche weitere Projekte und zahllose Publikationen sind auf diesem Weg entstanden. Einen vollständigen Überblick über alle Forschungsleistungen zu bringen, verbietet sich allerdings an dieser Stelle; es sei daher auf die entsprechenden Web-Seiten der Universität Koblenz-Landau verwiesen.

Neben seinen Tätigkeiten als Hochschullehrer und wissenschaftlicher Direktor des Informationszentrums Sozialwissenschaften hat Jürgen Krause eine Vielzahl von Aufgaben in nationalen und internationalen Gremien der Wissenschaftsorganisation übernommen. Er ist Mitglied des Bibliotheksausschusses sowie des Bibliotheks-Unterausschusses für Datenverarbeitung und Kommunikationstechniken der DFG und leitet den Unterausschuss „Elektronische Publikationen“. Derzeit ist er wissenschaftlicher Beirat des Deutschen
Instituts für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) und Mitglied des Strategieausschusses für Standardisierung in der Informations- und Kommunikationstechnik (SICT) im DIN sowie Vorsitzender des Nutzerbeirats des Instituts für Wirtschaftsforschung (HWWA), Hamburg. Auch als Gutachter unterschiedlicher Förderinstitutionen ist er kontinuierlich tätig (u. a. für das BMBF).

Schließlich hat Jürgen Krause eine Vielzahl junger Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an Forschungsaufgaben herangeführt und ihre Promotionen bzw. Habilitationen betreut. Einige seiner Schülerinnen und Schüler haben heute Professuren in Informationswissenschaft bzw. Informatik inne, viele sind auch erfolgreich in großen Unternehmen tätig. Sie und andere Wegbegleiter seines wissenschaftlichen Lebens sollen in diesem Buch zu Wort kommen.


Berlin – Regensburg – Hildesheim, im Frühjahr 2005

Maximilian Eibl,
Christian Wolff,
Christa Womser-Hacker