Im Open Password vom 06.06.2016 schreibt Herr Bredemeier:

HI-Vorsitzender behauptet,
den fachlichen und institutionellen Niedergang der Informationswissenschaft gäbe es nicht

Aber wo sind seine Argumente?
Von Willi Bredemeier

Lieber Leser von Open Password,

als ich über mehrere Jahre Proceedings der Tagungen des „Hochschulverbandes Informationswissenschaft“ rezensierte, schien mir offensichtlich, dass die deutschsprachige Informationswissenschaft eines Neuanfangs und einer neuen Grundlegung bedarf. Zu meinen entsprechenden Äußerungen erfuhr ich einigen Zuspruch und keinen Widerspruch. Dazu habe ich mehrere Jahrzehnte den institutionellen Niedergang der deutschsprachigen Informationswissenschaft dokumentiert und gelegentlich gefragt, ob zwischen der Performance der Informationswissenschaft, ihrer Wahrnehmung in der Öffentlichkeit und ihrem institutionellen Niedergang Zusammenhänge bestünden.

Mit dem Start von Open Password Anfang des Jahres hat sich die Debatte um die Lage der deutschsprachigen Informationswissenschaft wieder belebt. Aktuelle Anlässe waren die bevorstehende Abwicklung der Informationswissenschaft an der Universität Düsseldorf und die seit Jahren laufende und aktuell weiter fortschreitende Abwicklung und Gefährdung von Fachinformationseinrichtungen durch die Leibniz Gemeinschaft (im Falle der Angebotseinschränkungen des DIMDI auch durch das Bundesgesundheitsministerium). Walther Umstätter, Rainer Kuhlen, Bernd Jörs und Winfried Gödert nahmen zur Lage der Informationswissenschaft aus fachlicher und institutioneller Sicht Stellung und sahen sie in beiderlei Hinsicht als verbesserungsbedürftig an (dies bei allen sonstigen Unterschieden in ihrer Argumentation).

Dieser Konsens wurde nunmehr von Christian Wolff, Professor für Medieninformatik an der Universität Regensburg, in seiner Antwort auf die Ausführungen Göderts (Open Password, 27. April) infrage gestellt. Wolff legt nahe, dass es weder gravierende Qualitätsmängel noch einen institutionellen Niedergang der Informationswissenschaft gibt. Das ist überraschend genug. Wolff spricht aber auch in seiner Eigenschaft als Vorsitzender des Hochschulverbandes Informationswissenschaft (dies sowohl im Titel seines Textes als auch in seiner Veröffentlichung auf der Website des Verbandes (http://www.informationswissenschaft.org/allgemein/antwort-des-hi-vorsitzenden-christian-wolff-auf-den-brief-des-kollegen-winfried-go%CC%88dert/), so dass er aus einem zweiten Grund einer Antwort bedarf (siehe auch eine Zusammenfassung seiner zentralen Aussagen unten).

An Kritiken ergeben sich im Einzelnen:

1) Es ist problematisch, wenn Wolff nicht als Fachkollege, sondern als Vorsitzender des „Hochschulverbandes Informationswissenschaft“ spricht und damit eine irgendwie geartete Kompetenz für die gesamte Informationswissenschaft beansprucht. Als Vorsitzender dürfte er allenfalls einen allgemeinen Konsens in der Disziplin zusammenfassen (was Wolff tut, ist das genaue Gegenteil) und zu verbandspolitischen Fragen Stellung nehmen, ob beispielsweise also die nächste HI-Tagung in Kroatien oder in Regensburg stattfinden soll. So erhebt sich der Verdacht, dass Wolff einen Pseudo-Dialog Wissenschaftler kontra Verbandspolitiker konstruiert, wobei letzterer seine Argumente nach verbandspolitischen Opportunitäten auswählt.

2) Ich kann nicht erkennen, dass sich Umstätter, Kuhlen, Jörs und Gödert „nicht aus der engen Fokussierung auf die Geschichte des IuD-Programms in Deutschland lösen“ können. Wolff erklärt seine Vermutung damit, dass diese Leute ihrer „jeweiligen biografischen Situation“ verhaftet seien. Die Verschiebung der Argumentation von der fachlichen auf die persönliche Ebene ist schlechter Stil, auch wenn man solches eher von einem Verbandspolitiker als von einem Wissenschaftler erwarten mag. Ähnliche Verschiebungen ergeben sich in seiner weiteren Argumentation, etwa wenn er eine „nüchterne“ Bestandsaufnahme des Status quo verlangt, so als ob seine Gegner emotional (oder gar trunken) argumentierten. Ein weiteres Beispiel: „Vielleicht sollten wir auch davon absehen, informationswissenschaftliche Identitäten nur ganz unmittelbar über entsprechend laufende Donominationen oder gar den genealogischen Aspekt wissenschaftlicher Biografien feststellen zu lassen.“ Wieso nur „vielleicht“, wenn solches zutreffen sollte? Mir ist kein Beispiel bekannt, in dem Klaus Tochtermann der Informationswissenschaft verwiesen wurde, weil er Informatik studiert hat. Aber das ist eine beliebte Taktik von Politikern, auch von Verbandspolitikern, gegen Positionen anzurennen, die keiner vertritt.

3) Wolffs Hauptargumentation besteht darin, dass er mehrere Beispiele aneinanderreiht, die die klassischen Gegenstände der deutschen Informationswissenschaft um weitere Forschungsfelder erweitern. Nun stellt die Aneinanderreihung von Forschungsbereichen noch keine Qualität dar. Diese müsste vielmehr erst begründet werden. Darauf geht Wolff lediglich mit der Zwei-Worte-Behauptung „unverkennbare Erfolge“ für den eigenen Forschungsbereich ein. Wichtiger ist jedoch, dass gerade die von Wolff nicht weiter begründete und damit fast beliebige Addition von Forschungsbereichen zu kritisieren ist. Eine Disziplin entsteht, wenn sie einen gemeinsamen Bezugsrahmen verwendet, sich aufeinander bezieht, zu aufeinander aufbauenden Forschungsergebnissen kommt und sich damit auch Grenzen setzt. Indem Wolff mit keinem Wort darauf eingeht und auch nicht einräumt, dass eine Addition von Forschungsbereichen zu einer noch größeren Heterogenität führen muss, heißt er eine Praxis gut, die die Informationswissenschaft in die gegenwärtige problematische Lage gebracht hat, und leistet letztlich einen Beitrag zu ihrer Perpetuierung.

4) Es ist mir schleierhaft, wie Wolff trotz der Schließungen informationswissenschaftlicher Studiengänge beispielsweise in Berlin, Konstanz, Saarbrücken und Düsseldorf behaupten kann, es gäbe den institutionellen Niedergang der Informationswissenschaften nicht, es sei denn, der Vorsitzende folgte ausschließlich seinem organisationspolitischen Kalkül ohne Rücksicht auf die Qualität der dafür verfügbaren Argumente. Er begründet seine Meinung entgegen dem allgemeinen Konsens allein damit, dass er diesen „Eindruck“ habe. Das ist nun wirklich wenig.

5) Schon wahr, Verbandsvorsitzende neigen dazu, ihre Mitglieder um jeden Preis zu verteidigen und jede Kritik, kaum dass sie erhoben wurde, ohne Rücksicht auf Richtigkeit unter den Teppich zu kehren. Aber sollte der Hochschulverband Informationswissenschaft nicht besser als ein Kaninchenzuchtverein sein? Was wir uns wünschen, ist ein Hochschulverband, der zu einem kritischen Diskurs auch über die Defizite der Disziplin und die Möglichkeiten zu einem Neuanfang unter seinen Mitgliedern ermuntert und diesen mitorganisiert. Wir wünschen uns einen HI, der für seine Tagungen Qualitätskontrollen einführt, die sicherstellen, dass nicht Beiträge in die Proceedings Eingang finden, die nicht hätten gedruckt werden können, wenn die Verantwortlichen nicht gemeint hätten, sie würden sowieso nicht gelesen. Wir wünschen uns, dass wissenschaftliche Standards auch in wissenschaftlichen Vereinen Eingang finden.

Kurz, wir wünschen uns im HI eine Spitze mit einer anderen Denke und mit einer anderen Praxis.