ASIS&T Berlin Regional Meeting, 4 October 2017, 10:00 – 16:00 Uhr

ASIS&T Berlin Regional Meeting
Sponsored by the ASIS&T European Chapter
4 October, 2017, 10:00 – 16:00
Humboldt University
Berlin, Germany
PROGRAMME
The History of Library and Information Science in Europe
Fidelia Ibekwe SanJuan, IRSIC – Aix-Marseille University

European Library & Information Science Map
Christine Meschede, Universität Düsseldorf
Virginia Ortiz-Repiso, Chair, ASIS&T European Chapter

Digital Libraries and Their Websites in a Small Country: Case Study of Croacia
Marica Sapro-Ficovic, Dubrovnic Libraries

Exploring Digital Data; Intelligence, Forensics, and Preservation
Yunhyong Kim, University of Glasgow

ASIS&T Strategic Directions
Lynn Sillipigni Connaway, ASIS&T President
Lydia Middleton, ASIS&T Executive Director
Virginia Ortiz-Repiso, Chair, ASIS&T European Chapter

Free for ASIS&T members!

Das ISI 2017 Tagungsprogramm

Das Tagungsprogramm der 15. ISI ist nun auf der Website freigeschaltet.

Verlängerte Einreichungsfristen für die ISI 2017

Die Einreichungsfristen wurden verlängert, die genauen Daten stehen auf der Tagungswebsite http://isi2017.ib.hu-berlin.de/cfp.html

Prof. Dr. Bernd Jörs (Hochschule Darmstadt) zum Thema: Information Professional und Information Broker

Herr Prof. Jörs trifft meines Erachtens genau den richtigen Punkt. Die (Berufs-)Bezeichnungen „Information Professional“ und „Information Broker“ sind überholt. Wer sich immer noch daran klammert hat die aktuellen Entwicklungen verpasst.
Der ganze Beitrag von Herrn Prof. Jörs ist im Password-Online nachzulesen.

Weiterer Brief zur Diskussion zur „Informationswissenschaft“

Herr Winfried Gödert schreibt im Open Password folgendes:

„Zur Notwendigkeit und zur Frage des angemessenen Formates.

Lieber Herr Bredemeier,

wie versprochen, hier einige schriftliche Gedanken zur Frage, mit welchem Format man ggf. etwas Nützliches für eine Belebung der Informationswissenschaft tun kann. Ich hoffe, die nicht an den Erfordernissen von Blogs und Tweets orientierte Länge der Ausführungen hat keine zu abschreckende Wirkung.

Am Anfang der Überlegungen müsste wohl die Frage stehen, ob es innerhalb oder mit der Informationswissenschaft überhaupt ein Problem gibt. Wenn ich die „Antwort“ von Herrn Wolff auf meinen Text (http://www.informationswissenschaft.org/allgemein/antwort-des-hi-vorsitzenden-christian-wolff-auf-den-brief-des-kollegen-winfried-go%CC%88dert/) richtig deute, will er ja wohl vorrangig zum Ausdruck bringen, dass es überhaupt kein Problem gibt. Die von mir und anderen vorgebrachten Beobachtungen und Argumente bestehen demnach nur aus rückwärts gewandten Beschreibungen ohne Potenzial für eine Zukunftsgestaltung. Im Großen und Ganzen sei die Informationswissenschaft schon auf einem guten Weg, der nur in Details weiter ausgestaltet und um mehr Öffentlichkeitsarbeit ergänzt werden muss. Die ausbleibenden Reaktionen auf die bisherigen Beiträge bleiben zunächst unerklärt, können aber ebenfalls mit dieser Interpretation erfasst werden.

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Sind wir fähig, uns als Teil des Problems zu sehen?

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Meine Sicht auf den Zustand der Informationswissenschaft ist eine andere. Überspitzt würde ich sagen, eine zentrale Frage berührt die Fähigkeit, sich selbst als ein Teil des Problems zu sehen, und nicht schon als seine Lösung. Dazu muss die Existenz eines Problems akzeptiert und dann seine präzise Bestimmung vorgenommen werden, bevor eine Diskussion über mögliche Lösungen beginnen kann.

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Die Informationswissenschaft benötigt den Partner eines Anwendungsfeldes. Eine Praxis ohne methodische Unterfütterung kann ich mir nicht vorstellen.

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Eine zweite wichtige Vorfrage betrifft das Verhältnis von Informationswissenschaft und Informationspraxis mit der Frage nach der Bereitschaft, dieses Verhältnis in einem offenen Diskurs zu thematisieren. Nach meiner Auffassung kann eine Informationswissenschaft niemals eine autarke Erkenntniswissenschaft sein, die die Gegenstände ihrer Aufmerksamkeit aus sich selbst generiert. Sie benötigt immer den Partner eines Anwendungsfeldes zur Bestimmung ihrer Untersuchungsgegenstände und zur Anwendung ihrer Ergebnisse. Eine Informationspraxis ohne methodische Unterfütterung kann ich mir ebenfalls nicht vorstellen. Ob diese Unterfütterung durch eine eigene Wissenschaftsdisziplin geschehen muss, darf selbstverständlich in Frage gestellt werden. Lautet die Antwort aber Ja, müssen zwischen den beiden Partnern die jeweiligen Handlungsrollen ausgehandelt werden, um wechselseitig voneinander profitieren zu können. Ein solches Verhältnis lässt sich nicht als Master-Slave-Prinzip gestalten.

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Was für ein Format ist denn angemessen?

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Im Folgenden setze ich also voraus, dass es gute Gründe gibt, etwas Nützliches für die Belebung der Informationswissenschaft zu tun.

Format „Veranstaltung“.. Das auszuwählende Format sollte eine ausgewogene Mischung zwischen Dialogunterstützung und Differenziertheit der Argumentation ermöglichen und sich nicht allein in plakativen Statements erschöpfen. Da es sich in erster Linie um eine binnenzentrierte Diskussion handelt, sollte der Adressatenkreis nicht außerhalb der Bereiche Informationswissenschaft und -praxis liegen. Veranstaltungen, insbesondere Podiumsdiskussionen, besitzen einen hohen Verdichtungsgrad, sind ohne Dokumentation und Nachbereitung aber sehr vergänglich, bedürfen einer gründlichen Vorbereitung (Moderator, Auswahl der Referenten, Engführung der Themen bei Freiheit der Argumentation) und bergen die Gefahr, das plakative Element zu stark zu betonen. Derzeit scheint sich hierfür auch keine geeignete Rahmenveranstaltung innerhalb des professionellen Umfeldes anzubieten. Eine allgemeine Veranstaltung, wie etwa die Buchmesse, hätte womöglich ein großes Publikum, kann aber nicht die Ausstrahlung in die Profession garantieren. Die sicher notwendigen kritischen Diskussionselemente würden nach außen ungewünschte ungute Eindrücke erzeugen.

Format „Technische Einzelpublikation“. Für eine thematische Einzelpublikation wäre ein Format wünschenswert, das ohne zu starke Beschränkung für die einzelnen Beiträge ein möglichst starkes dialogisches Element in einer aufeinander bezogenen Berücksichtigung der Vielfalt von Positionen aufweist. Realisierbar wäre so etwas über die Vorgabe eines oder zweier Initialbeiträge, die den weiteren Autoren bekannt gegeben werden, damit sie Stellungnahmen dazu abgeben können. Der oder die Autor(en) des / der Initialartikel(s) sollten anschließend noch einmal Stellung nehmen können. Der oder die Herausgeber sollten ein abschließendes Fazit formulieren.

Als Vorbild dieser Vorgehensweise kann zum einen das Buch „Snow, C.P.: Die zwei Kulturen: Literarische und naturwissenschaftliche Intelligenz – C.P. Snows These in der Diskussion. Stuttgart: Klett-Cotta 1987“ angesehen werden. Zum anderen wird dieses Konzept beispielsweise in der Zeitschrift „Erwägen Wissen Ethik“ (bis 2001 u.d.T.: Ethik und Sozialwissenschaften – Streitforum für Erwägungskultur; https://de.wikipedia.org/wiki/Erw%C3%A4gen_Wissen_Ethik) realisiert (vgl.: http://iug.uni-paderborn.de/ewe).

Für die Realisierung nach diesem Konzept bräuchte es Herausgeber und Autoren nach einer vorab festzulegenden Auswahl. Hierfür stelle ich mir eine Mischung aus bereits etablierten Informationswissenschaftlern und -praktikern, ergänzt um Vertreter des Nachwuchses und Vertreter anderer Wissenschaftsdisziplinen, vor. Letztere sollten insbesondere deutlich machen, wo aus ihrer disziplinären Sicht die Abgrenzungen, aber auch die Chancen für eine Zusammenarbeit mit Vertretern einer Informationswissenschaft liegen, damit eine allein innovationseuphorisch gesteuerte Binnensicht vermieden wird.

Zur Bewertung: Die Realisierung eines solchen Vorschlages erfordert erhebliche Anstrengungen von allen Beteiligten. Für viele wird er nicht in die Zeit passen, ein Erfolg ist ungewiss. Mangelnde Seriosität wird man ihm allerdings nicht nachsagen können. Man muss ihn unter den Vorbehalt stellen, ob es sich angesichts der Erfolglosigkeit bisheriger Bemühungen lohnt, die entsprechenden Anstrengungen zur Realisierung zu unternehmen.

Kommerziell orientierte Zeitschriften oder Bücher scheiden wohl eher aus. Ob gesponserte Formen möglich sind, entzieht sich meiner Beurteilung. Ein e-Dokument mit breiter Bekanntmachung scheint aber realisierbar zu sein, sofern es gelingt, die Frage der Herausgeberschaft und die Konditionen für die Beteiligung der Autoren zu klären.

Ich hoffe, Sie fühlen sich jetzt nicht erschlagen und verbleibe mit besten Grüßen

Winfried Gödert“

Willi Bredemeier antwortet auf den Brief von Herrn Wolff

Im Open Password vom 06.06.2016 schreibt Herr Bredemeier:

HI-Vorsitzender behauptet,
den fachlichen und institutionellen Niedergang der Informationswissenschaft gäbe es nicht

Aber wo sind seine Argumente?
Von Willi Bredemeier

Lieber Leser von Open Password,

als ich über mehrere Jahre Proceedings der Tagungen des „Hochschulverbandes Informationswissenschaft“ rezensierte, schien mir offensichtlich, dass die deutschsprachige Informationswissenschaft eines Neuanfangs und einer neuen Grundlegung bedarf. Zu meinen entsprechenden Äußerungen erfuhr ich einigen Zuspruch und keinen Widerspruch. Dazu habe ich mehrere Jahrzehnte den institutionellen Niedergang der deutschsprachigen Informationswissenschaft dokumentiert und gelegentlich gefragt, ob zwischen der Performance der Informationswissenschaft, ihrer Wahrnehmung in der Öffentlichkeit und ihrem institutionellen Niedergang Zusammenhänge bestünden.

Mit dem Start von Open Password Anfang des Jahres hat sich die Debatte um die Lage der deutschsprachigen Informationswissenschaft wieder belebt. Aktuelle Anlässe waren die bevorstehende Abwicklung der Informationswissenschaft an der Universität Düsseldorf und die seit Jahren laufende und aktuell weiter fortschreitende Abwicklung und Gefährdung von Fachinformationseinrichtungen durch die Leibniz Gemeinschaft (im Falle der Angebotseinschränkungen des DIMDI auch durch das Bundesgesundheitsministerium). Walther Umstätter, Rainer Kuhlen, Bernd Jörs und Winfried Gödert nahmen zur Lage der Informationswissenschaft aus fachlicher und institutioneller Sicht Stellung und sahen sie in beiderlei Hinsicht als verbesserungsbedürftig an (dies bei allen sonstigen Unterschieden in ihrer Argumentation).

Dieser Konsens wurde nunmehr von Christian Wolff, Professor für Medieninformatik an der Universität Regensburg, in seiner Antwort auf die Ausführungen Göderts (Open Password, 27. April) infrage gestellt. Wolff legt nahe, dass es weder gravierende Qualitätsmängel noch einen institutionellen Niedergang der Informationswissenschaft gibt. Das ist überraschend genug. Wolff spricht aber auch in seiner Eigenschaft als Vorsitzender des Hochschulverbandes Informationswissenschaft (dies sowohl im Titel seines Textes als auch in seiner Veröffentlichung auf der Website des Verbandes (http://www.informationswissenschaft.org/allgemein/antwort-des-hi-vorsitzenden-christian-wolff-auf-den-brief-des-kollegen-winfried-go%CC%88dert/), so dass er aus einem zweiten Grund einer Antwort bedarf (siehe auch eine Zusammenfassung seiner zentralen Aussagen unten).

An Kritiken ergeben sich im Einzelnen:

1) Es ist problematisch, wenn Wolff nicht als Fachkollege, sondern als Vorsitzender des „Hochschulverbandes Informationswissenschaft“ spricht und damit eine irgendwie geartete Kompetenz für die gesamte Informationswissenschaft beansprucht. Als Vorsitzender dürfte er allenfalls einen allgemeinen Konsens in der Disziplin zusammenfassen (was Wolff tut, ist das genaue Gegenteil) und zu verbandspolitischen Fragen Stellung nehmen, ob beispielsweise also die nächste HI-Tagung in Kroatien oder in Regensburg stattfinden soll. So erhebt sich der Verdacht, dass Wolff einen Pseudo-Dialog Wissenschaftler kontra Verbandspolitiker konstruiert, wobei letzterer seine Argumente nach verbandspolitischen Opportunitäten auswählt.

2) Ich kann nicht erkennen, dass sich Umstätter, Kuhlen, Jörs und Gödert „nicht aus der engen Fokussierung auf die Geschichte des IuD-Programms in Deutschland lösen“ können. Wolff erklärt seine Vermutung damit, dass diese Leute ihrer „jeweiligen biografischen Situation“ verhaftet seien. Die Verschiebung der Argumentation von der fachlichen auf die persönliche Ebene ist schlechter Stil, auch wenn man solches eher von einem Verbandspolitiker als von einem Wissenschaftler erwarten mag. Ähnliche Verschiebungen ergeben sich in seiner weiteren Argumentation, etwa wenn er eine „nüchterne“ Bestandsaufnahme des Status quo verlangt, so als ob seine Gegner emotional (oder gar trunken) argumentierten. Ein weiteres Beispiel: „Vielleicht sollten wir auch davon absehen, informationswissenschaftliche Identitäten nur ganz unmittelbar über entsprechend laufende Donominationen oder gar den genealogischen Aspekt wissenschaftlicher Biografien feststellen zu lassen.“ Wieso nur „vielleicht“, wenn solches zutreffen sollte? Mir ist kein Beispiel bekannt, in dem Klaus Tochtermann der Informationswissenschaft verwiesen wurde, weil er Informatik studiert hat. Aber das ist eine beliebte Taktik von Politikern, auch von Verbandspolitikern, gegen Positionen anzurennen, die keiner vertritt.

3) Wolffs Hauptargumentation besteht darin, dass er mehrere Beispiele aneinanderreiht, die die klassischen Gegenstände der deutschen Informationswissenschaft um weitere Forschungsfelder erweitern. Nun stellt die Aneinanderreihung von Forschungsbereichen noch keine Qualität dar. Diese müsste vielmehr erst begründet werden. Darauf geht Wolff lediglich mit der Zwei-Worte-Behauptung „unverkennbare Erfolge“ für den eigenen Forschungsbereich ein. Wichtiger ist jedoch, dass gerade die von Wolff nicht weiter begründete und damit fast beliebige Addition von Forschungsbereichen zu kritisieren ist. Eine Disziplin entsteht, wenn sie einen gemeinsamen Bezugsrahmen verwendet, sich aufeinander bezieht, zu aufeinander aufbauenden Forschungsergebnissen kommt und sich damit auch Grenzen setzt. Indem Wolff mit keinem Wort darauf eingeht und auch nicht einräumt, dass eine Addition von Forschungsbereichen zu einer noch größeren Heterogenität führen muss, heißt er eine Praxis gut, die die Informationswissenschaft in die gegenwärtige problematische Lage gebracht hat, und leistet letztlich einen Beitrag zu ihrer Perpetuierung.

4) Es ist mir schleierhaft, wie Wolff trotz der Schließungen informationswissenschaftlicher Studiengänge beispielsweise in Berlin, Konstanz, Saarbrücken und Düsseldorf behaupten kann, es gäbe den institutionellen Niedergang der Informationswissenschaften nicht, es sei denn, der Vorsitzende folgte ausschließlich seinem organisationspolitischen Kalkül ohne Rücksicht auf die Qualität der dafür verfügbaren Argumente. Er begründet seine Meinung entgegen dem allgemeinen Konsens allein damit, dass er diesen „Eindruck“ habe. Das ist nun wirklich wenig.

5) Schon wahr, Verbandsvorsitzende neigen dazu, ihre Mitglieder um jeden Preis zu verteidigen und jede Kritik, kaum dass sie erhoben wurde, ohne Rücksicht auf Richtigkeit unter den Teppich zu kehren. Aber sollte der Hochschulverband Informationswissenschaft nicht besser als ein Kaninchenzuchtverein sein? Was wir uns wünschen, ist ein Hochschulverband, der zu einem kritischen Diskurs auch über die Defizite der Disziplin und die Möglichkeiten zu einem Neuanfang unter seinen Mitgliedern ermuntert und diesen mitorganisiert. Wir wünschen uns einen HI, der für seine Tagungen Qualitätskontrollen einführt, die sicherstellen, dass nicht Beiträge in die Proceedings Eingang finden, die nicht hätten gedruckt werden können, wenn die Verantwortlichen nicht gemeint hätten, sie würden sowieso nicht gelesen. Wir wünschen uns, dass wissenschaftliche Standards auch in wissenschaftlichen Vereinen Eingang finden.

Kurz, wir wünschen uns im HI eine Spitze mit einer anderen Denke und mit einer anderen Praxis.

Norbert Henrichs ist im Alter von 81 Jahren verstorben

Ein Beitrag aus Open Password: Ein humanistischer Blick auf die Informationsgesellschaft

Norbert Henrichs, bis zu seiner Pensionierung Professor für Informationswissenschaft an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, ist im Alter von 81 Jahren gestorben. Vor einem guten Jahr hatten ihm seine Kollegen noch den ersten Band der Schriftenreihe „Pioniere der Informationswissenschaft“ gewidmet. Dies war Anlass für Password, seinen liebenswürdigen und liebenswerten Gesprächspartner unter der Überschrift „Eine humanistische Alternative zur gegenwärtigen Informationswissenschaft“ auf den Titel zu heben und mit der aktuellen Frage „Hat die Abwicklung der informationswissenschaftlichen Lehrstühle mit ihrer mangelnden Relevanz zu tun?“ (Mai 2015). Diese Frage wäre im Fall der Düsseldorfer Informationswissenschaft mit „Nein“ zu beantworten gewesen. Gleichwohl wurde wenige Monate später der Beschluss zur Abwicklung der Düsseldorfer Informationswissenschaft gefasst.

Im Nachhinein lesen sich die seinerzeitigen Beiträge in Password wie Nachrufe auf Henrichs. Stephan Holländer schrieb unter anderem: „Mit dem Buch „Menschsein im Informationszeitalter“ legt Norbert Henrichs einen Querschnitt aus seinen unselbstständig erschienenen Beiträgen vor, die im Laufe seiner langen und erfolgreichen Karriere an der Universität Düsseldorf entstanden sind. … In einer Zeit, in der die Strategien der Anbieter und die Entwicklung der Informationstechnologie als Treiber der informationswissenschaftlichen Forschung dargestellt werden, hebt sich der von den Zwängen der rein ökonomischen Betrachtungsweise befreite Informationsbegriff von Norbert Henrichs wohltuend ab. Vielmehr stellt Henrichs mit seiner philosophischen und theologischen Herkunft den Menschen und seine Informationsbedürfnisse in den Mittelpunkt seiner Betrachtung. …

(Zwar) lehnt Henrichs den Begriff „Information als Ware“ nicht rundweg ab. Aber er weigert sich, „dem Warenaspekt von Information den ersten Platz einzuräumen, was letztlich bedeutete, Lebensqualität, die aus verbesserter Kommunikation folgen sollte, primär an ökonomischen Wertskalen zu messen. … Er erhebt den mahnenden Finger gegen eine totale Kommerzialisierung des Informationswesens und verweist auf neue politische Verantwortlichkeiten angesichts der Internationalisierung der Netze. … Er weist darauf hin, dass „eine informatisierte Gesellschaft“ nicht unbedingt eine „informierte Gesellschaft“ nach sich zieht. … Er entwirft einen anthropologischen Ansatz, nach dem der handelnde Mensch und seine Informationsbedürfnisse und Informationsnachfrage einen Stellenwert in den technischen Veränderungsprozessen erhalten müssen. …

Die von Henrichs bereits damals diagnostizierte Computergläubigkeit des Menschen führt zu verschlungenen und unkontrollierten Datenwegen, die den Datenschutz illusorisch machen. … Vor dem Hintergrund des heute viel gepriesenen Cloud-Konzepts klingt seine Warnung beinahe prophetisch: „Doch wer vom Staat oder auch vom Markt immer bessere Daseinsvorsorge erwartet, darf sich der Organisation einer entsprechenden Datenlage als Voraussetzung dieser Datenvorsorge nicht widersetzen, was dann auch oder gerade die Diskussion um den Datenschutz auf eine neue Betrachtungsweise hebt.“

(Henrichs) plädiert für eine selbst bestimmte Nutzung der IKT durch die Menschen. Henrichs hat Recht, wenn er davor warnt, als Ziel der IKT nur den schnellen Gelderwerb zu sehen. Es muss beim Wandel von der Informationsverwaltung zum Wissensmanagement um die Bewahrung humanistischer Werte gehen. Sind sich seine jüngeren Kollegen, die im HI, das Sagen haben, dessen wirklich bewusst? … Aufgabe des Informationsmanagements muss es sein, neutral, objektiv und synoptisch alle bekannten Informationen thematisch zusammenzubringen, um sie vergleichen zu können, allfällige Widersprüche erkennbar zu machen und das Verständnis für verschiedene Positionen zur gleichen Thematik zu erleichtern. …

Persönliches Informations- und Wissensmanagement erkennt Henrichs als Schlüsselqualifikationen der Zukunft. Henrichs regt an, ein interkulturelles Informations- und Kommunikationsmanagement zu schaffen. Als weiteres notwendiges Angebot von Hochschulen sieht er eine informationswissenschaftliche Grundausbildung für Studierende aus Entwicklungsländern. …

Die klare Gedankenführung und die vorausblickenden Analyse von Norbert Heinrichs lassen einen erstaunt nachschauen, wann die Beiträge das erste Mal publiziert wurden.“

In einem weiteren Beitrag erinnerte Willi Bredemeier an die weitgehende Praxisorientierung von Henrichs und daran, dass er den Machern der IuD-Programme Geschichts- und Kontextvergessenheit vorwarf: „Hätte man längst ausgetauschte Argumente „gekannt und beherzigt, wären vermutlich zu beklagende Fehlentwicklungen vermieden worden.“ Auch das Scheitern der GID (deren Direktor er war, Red.) wären vorauszusehen gewesen, hätte man den Untergang des Internationalen Instituts für Technikbibliographie in den Jahren nach 1908 nicht vergessen gehabt.“

Quelle: http://www.password-online.de/?wysija-page=1&controller=email&action=view&email_id=70&wysijap=subscriptions&user_id=1054

Call for papers

Call for papers for a special issue on Knowledge Management for the Journal of Policy Research in Tourism, Leisure and Events

1. The guest editors
This special issue will be guest edited by:
Jan Mosedale, Senior Lecturer and Senior Researcher, University of Applied Sciences HTW Chur, Switzerland
Wolfgang Semar, Professor, University of Applied Sciences HTW Chur, Switzerland

2. What is the special issue about?
In today’s information and knowledge society (Castells 2011) the creation of value in enterprise is largely based on the use of knowledge. Due to increasing competition, the factor knowledge has become more relevant, some even referring to knowledge as the fourth production factor (Stewart 2010). The ability to identify, to acquire, to create, to transfer and to apply knowledge within an organisation or on the market in the form of new products and services, thus represent key skills and essential competitive factors. For organisations to remain functional, it is imperative that knowledge is distributed and used freely.
The main bulk of the tourism literature on knowledge has focused on knowledge transfer and the capacity to absorb knowledge (see for instance Shaw & Williams 2009; Baggio & Cooper 2010; Thomas 2012). Although there are some notable exceptions (see for instance Cooper (2006) for a model or Nadkarni (2008) for a case study), the aim of this special issue is to provide a detailed holistic analysis of knowledge management including the use of knowledge (Xiao & Smith 2007).
We therefore invite submissions of both conceptual and empirical papers offering new insights into the broader area of knowledge management in tourism and in public tourism policy in particular. Knowledge in large public administrations can be fragmented, yet it represents an essential part of society’s intellectual capital. Of particular interest are the following expressions of the relationships between knowledge, its management, tourism, public policy and wider society (although other themes/perspectives are also welcome):

  • Culture, diversity and knowledge managemen
  • Knowledge management and public policy
  • Knowledge management and organisational learning and change
  • Inter-organisational knowledge networks and sharing: knowledge cities, – regions and tourism
  • Knowledge management for social change and innovation
  • The role of knowledge in change management
  • Knowledge and strategic management
  • Knowledge and innovation

3. Proposed schedule:
Expression of interest by June 2nd 2016:

  • 300-500 Words outlining the main argument of the proposed paper.
  • Submission deadline: November 15, 2016
  • Papers reviewed: February 28, 2017
  • Revised papers reviewed and accepted: April 30, 2017
  • Final versions of accepted papers delivered: June 30, 2017
  • All manuscripts will be double-blind reviewed
  • Please read the publication style guidelines before submitting your paper
  • Go here to register/or log on to submit your paper to ManuscriptCentral
  • If you have any question about the special issue or your intended submission, please contact Jan Mosedale.
  • More information on the journal: http://www.tandfonline.com/loi/rprt20#.Vuq6x0b7PbY

4. References:
Baggio, R., & Cooper, C. (2010). Knowledge transfer in a tourism destination: the effects of a network structure. The Service Industries Journal, 30(10), 1757-1771.

Castells, M. (2011). The rise of the network society: The information age: Economy, society, and culture (Vol. 1). John Wiley & Sons.

Cooper, C. (2006). Knowledge management and tourism. Annals of tourism research, 33(1), 47-64.

Nadkarni, S. (2008). Knowledge creation, retention, exchange, devolution, interpretation and treatment (K-CREDIT) as an economic growth driver in pro-poor tourism. Current Issues in Tourism, 11(5), 456-472.

Shaw, G., & Williams, A. (2009). Knowledge transfer and management in tourism organisations: An emerging research agenda. Tourism Management, 30(3), 325-335.

Stewart, T.A. (2010). Intellectual Capital: The new wealth of organization. Crown Publishing.

Thomas, R. (2012). Business elites, universities and knowledge transfer in tourism. Tourism Management, 33(3), 553-561.

Xiao, H., & Smith, S. L. (2007). The use of tourism knowledge: Research propositions. Annals of Tourism Research, 34(2), 310-331.

 
Dr. Jan Mosedale
Senior Researcher and Senior Lecturer
Director of Studies (MSc Business Administration Major Tourism)
Institute for Tourism and Leisure Research ITF
University of Applied Sciences HTW Chur
Comercialstrasse 22
CH-7000 Chur
Switzerland

 
Wolfgang Semar
Professor Network Knowledge Management
Swiss Institute for Information Science
University of Applied Sciences HTW Chur
Pulvermühlstrasse 57
CH-7000 Chur
Switzerland

von |28. April 2016|Allgemein|Kommentare deaktiviert für Call for papers

Antwort von Herrn Christian Wolff auf den Brief des Kollegen Winfried Gödert

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

auch die weiteren Einlassungen wie etwa von Herrn Gödert zum wahrgenommenen oder vermuteten Niedergang der Informationswissenschaft schaffen aus meiner Sicht kaum Klarheit. So richtig manche Einzelbeobachtung sein mag, so deutlich tritt aus meiner Sicht doch auch zutage, dass kaum einer der Beitragenden sich argumentativ aus der engen Fokussierung auf die Geschichte des IuD-Programms in Deutschland lösen kann. So verständlich dies aus der jeweiligen biografischen Situation heraus sein mag, so wenig zielführend ist es im Ergebnis. Ich will damit keinesfalls einer Abwendung vom Thema Fachinformation das Wort reden, sondern eher dazu beitragen, das thematische Spektrum der Informationswissenschaft konstruktiv zu erweitern. Mit anderen Worten: natürlich werden auch in Zukunft Themen wie Informationserschließung, Information Retrieval, Suche in hochspezialisierten Fachinformationsbeständen oder Fragen der Informationsaufbereitung zum engeren fachlichen Kern der Informationswissenschaft gehören.

Eine zukunftsorientierte Informationswissenschaft darf aber aus meiner Sicht nicht im Korsett der professionellen Fachinformation verharren. Die Ausweitung informationswissenschaftlicher Forschungsfelder insbesondere im Kontext der Informationsverhaltensforschung wird hier in aller Regel nicht beachtet. Hier liegt aus meiner Sicht ein Handlungsraum, der gerade auch in der Auseinandersetzung mit der vermeintlich so erfolgreichen Informatik von besonderer Bedeutung ist. Damit verbunden sind auch vielfältige interessante Forschungsfragen, wie etwa der von Diane Nahl schon vor einigen Jahren postulierte affective turn in den Wissenschaften oder die in philosophischer ebenso wie in psychologischer oder ökonomischer Hinsicht interessante Auseinandersetzung mit der Frage nach dem Menschen als rationalem oder nicht-rationalem Akteur.

Was die Informationswissenschaft ebenfalls offensiv aufgreifen sollte, ist das Thema Digitalisierung und digitale Gesellschaft. Letztlich ist das nichts anderes als ein weiteres Synonym zum bereits älteren Begriff der Informationsgesellschaft, und ganz sicher wird man sagen können, dass etwa die traditionelle Kerninformatik mit ihrer sehr viel technischeren Ausrichtung nicht in der Lage sein wird, dieses Thema alleine wissenschaftlich durchdringen zu können (dass sie es für sich reklamiert, mag dabei natürlich nicht verwundern).

Ein anderer Aspekt, der nicht wirklich beachtet wird (und ich spreche hier erkennbar pro domo) sind die unverkennbaren Erfolge und Beiträge der Informationswissenschaft im Bereich der Mensch-Maschine-Interaktion. Es gibt eine ganze Reihe ausgebildeter Informationswissenschaftler (wie ich selbst auch), die dazu beigetragen haben das Fach Medieninformatik in Deutschland zu etablieren. Dies ist etwas, was sich die Informationswissenschaft durchaus offensiv zurechnen sollte.

Vielleicht sollten wir auch davon absehen, informationswissenschaftliche Identität nur ganz unmittelbar über entsprechend lautende Denominationen oder gar den genealogischen Aspekt wissenschaftlicher Biografien feststellen zu wollen. Mit anderen Worten: wir sollten zum Beispiel Medieninformatiker wie Michael Granitzer in Passau oder Klaus Tochtermann in Hamburg und Kiel ebenso unserer Community zurechnen bzw. sie dafür zu gewinnen, wie wir das bei Norbert Fuhr immer schon getan haben.

Was mir in der derzeitigen Debatte ebenfalls fehlt, ist eine nüchterne Zustandsermittlung für die Situation der Informationswissenschaft. Ich bin mir nicht sicher, ob sich der so intensiv diskutierte Niedergang (“ wer macht das Licht aus“) tatsächlich der Realität entspricht. Dies lässt sich aus meiner Sicht weder mit den Vorgängen in Düsseldorf noch mit denen in Köln tatsächlich belegen. Im Gegenteil habe ich den Eindruck, dass wir eher Schwankungen auf zugegebenermaßen insgesamt niedrigen Niveau oder einer niedrigen Ausbaustufe beobachten. Ich würde sogar fast vermuten, dass es derzeit eher mehr Studierende in informationswissenschaftlichen Studiengängen in Deutschland gibt, als dies vor fünf, zehn oder 15 Jahren der Fall gewesen sein mag. Leider habe ich dafür keine konkreteren Zahlen zur Hand. Gleiches wäre für die Anzahl der Professuren zu untersuchen, wo man in mittelfristiger Perspektive sowohl Zugänge als auch Abgänge beobachten kann.

Herzliche Grüße
Christian Wolff

Prof. Dr. Christian Wolff
Lehrstuhl für Medieninformatik
Institut für Information und Medien,
Sprache und Kultur (I:IMSK)
Universität Regensburg
93040 Regensburg

Informationswissenschaftliche Besinnungen: Eine Nestbeschmutzung mit Vorschlägen zur Neuausrichtung von Winfried Gödert

17.04.2016

Ausgangssituation

Die gegenwärtige Informationswissenschaft ist gekennzeichnet durch den Verlust der Problemlösungskompetenz für Zukunftsfragen und eines konstituierenden wissenschaftlichen Methodenkerns. Die Vertreter der Informationswissenschaft und -praxis haben gemessen an ihrem artikulierten Anspruch ein unterentwickeltes Verständnis der von ihnen zu beachtenden Qualitätsstandards. Anders, als in aktuellen Diskussionsverläufen gerne argumentiert wird, liegen wesentliche Ursachen für den Rückbau nicht außerhalb, sondern innerhalb der Informationsprofession. Die Informationspraxis und die Information Professionals haben einen maßgeblichen Anteil an diesem Zustand.

Spätestens seit der berühmten Aussage von C. P. Snow, „Naturwissenschaftler haben die Zukunft im Blut“1, wird die Welt gerne in Bewahrer oder Bedenkenträger bzw. in Fortschrittsgestalter unterteilt. In den möglichen Anwendungsfeldern einer Informationswissenschaft wird die Trennlinie gerne durch den Einsatz Computer basierter Technologie markiert.2 Ist dies ausreichend? Sicher nicht. Man wird Snow nicht verfälschen, wenn man ihn so interpretiert, dass die Zukunftsgestaltung Ideen erfordert, die zur Zeit des Abfassens seines Essays stärker durch die Naturwissenschaften eingebracht wurden als durch andere Disziplinen. Entscheidend ist also, ob und welche Ideen vorhanden sind, Beitröge zur Lösung der Zukunftsprobleme zu leisten. Dies wiederum setzt voraus, dass man nicht die Fähigkeit verloren hat, zwischen zu lösenden Zukunftsproblemen und weniger wichtigen Problemstellungen zu unterscheiden. Im Kontext des institutionalisierten Wissenschaftsbetriebs muss diese Fähigkeit durch eine sensible Beobachtung der Problemlösungskompetenz begleitet werden, die einer Wissenschaft durch die Vertretern anderer Disziplinen zugeschrieben wird. Auch im akademischen Umfeld sichert allein die Form der Institutionalisierung keine dauerhafte externe Akzeptanz. Kann man für eine Disziplin keine Zukunftsfragen mehr angeben und hat die Zuschreibung einer Problemlösungskompetenz durch die Geldgeber verloren, dann gibt es keine Legitimation als eigenständige Wissenschaftsdisziplin mehr. Es steht zu befürchten, dass die Informationswissenschaft in Deutschland dieses Stadium erreicht hat.

Ein Widerspruch gegen diese Aussagen müsste angeben, für welche Zukunftsprobleme eine Informationswissenschaft Problemlösungskompetenz besitzt und welche spezifischen Problemlösungen angeboten werden können.

Für ein Segment der Informationswissenschaft mit Bezug auf ein spezielles Anwendungsfeld wurde in einer differenzierteren Analyse aufgezeigt, dass der Zustand durch einen Verlust an der Kenntnis der historischen Fragestellungen und dem methodischem Verständnis, letztlich also am Verlust der für jede Wissenschaft notwendigen theoretischen Basis beschrieben werden muss3. Damit ist die Frage nach dem Verständnis des eigenen Qualitätsanspruchs verbunden. Es wäre nützlich, derartige Analysen für andere Teilfelder der Informationswissenschaft zu erstellen, um die Validität der Aussagen überprüfen zu können und einen Überblick über einen Ideenfundus zur Konstituierung einer Disziplin Informationswissenschaft zu bekommen.

Trotz der Maßnahme zum Rückbau der institutionalisierten Informationswissenschaft lassen sich in der aktuellen Diskussion keine substanziellen Beiträge zur Unverzichtbarkeit einer Informationswissenschaft verzeichnen, auch nicht nach ihrem Nutzen zur Lösung von Fragen, auf die andere akademische Gebiete keine Antworten geben können. Versuche, die Legitimation über Aussagen wie „weil die Düsseldorfer Informationswissenschaft für die Informationsbranche unverzichtbar ist“, „Ich Informationswissenschaft in einer Informationsgesellschaft für unverzichtbar halte“ oder „Informationswissenschaft das kritische Denken in einer digitalisierten Welt fördert“4 müssen doch als naiv angesehen werden, wenn man die Spielregeln berücksichtigt, nach denen Mittelzuweisungen im Wissenschaftsbetrieb erfolgen.

Nicht unerwähnt bleiben kann das unterentwickelte Verhältnis speziell der Informationsbranche zu ihrer Methodendisziplin. Es zeigt sich deutlich in der Aussage von Reinhard Karger: „Die Informationswissenschaft ist im konzeptionellen Herz der Internetwirtschaft und der neuen Geschäftsmodelle für das Internet der Dinge und Industrie 4.0., für Smart Factories, Smart Services und Smart Cities.“5 Ist es schon bemerkenswert, wie einseitig und ahistorisch diese Aussage ist, so wird drittens eine unerhörte Funktionalisierung vorgenommen, die keine Wissenschaft erträgt. Mit „im konzeptionellen Herz“ eines anderen, hier einer Wirtschaft zu sein, wird nur zu deutlich betont, dass man der Informationswissenschaft kein selbstständiges Leben, sondern nur ein funktionales Leben, keine eigenen Erkenntnisbereiche, sondern nur zugewiesene Aufgabenstellungen beimisst. Wie kann solch eine Beschreibung einer akademischen Disziplin eine dauerhafte Existenz sichern, die Basisdisziplin für ein sich dynamisch entwickelndes professionelles Umfeld sein soll?

Eine weitere Steigerung dieses Verhältnisses kann im Rahmen dieser Ausführungen nicht weiter vertieft werden, sie ist jedoch durch eine Vielzahl von Beispielen erfahr- und belegbar: die Selbstverpflichtung von Angehörigen der Informationspraxis auf methodische Standards und Fachwissen. Es scheint hier keine untere Grenze zu geben. Personale oder institutionelle „Bedeutung“ ersetzt noch immer qualitative Maßstäbe. In unfairer Stellvertretung – die Mehrzahl anderer Äußerungen lassen sich nicht so gut belegen – sei hier nur ein Äußerung wiedergegeben: „Ich bin hier ehrlich: Was bringt Informationswissenschaft den Information Professionals? Diese Message hatte mich bislang nicht erreicht.“6 Man wird lange suchen müssen, um eine andere akademische Disziplin zu finden, deren Absolventen oder Praxisvertreter sich so vehement gegen das Erfordernis von fachlichem Basiswissen zur Ausübung der praktischen Tätigkeit abgrenzen. Es ist dies die Stelle, an der sich die Informationspraxis, alle Information Professionals fragen lassen müssen, welchen Anteil sie an der Bedeutungslosigkeit der Informationswissenschaft haben.

Für die Vertreter der akademischen Informationswissenschaft gilt analog: die Maßstäbe für die eigene Reputation allein am Kriterium zu orientieren, für die eigenen fachlichen Fragen im Umfeld der informationswissenschaftlich mehr oder weniger Belichteten der am wenigsten Unterbelichtete zu sein statt nach Kooperationen mit leistungsstärkeren Partnern zu suchen, kann weder der eigenen Akzeptanz im akademischen Umfeld noch der Akzeptanz einer Informationswissenschaft als Disziplin förderlich sein. Dass es für die Wahlen zu den DFG-Fachkollegien keine eigene Rubrik Informationswissenschaft gibt7, darf durchaus als seriöser Beleg für akademische Bedeutungslosigkeit genommen werden.

Ironischerweise drängt sich der Eindruck auf, dass eine Profession, die ihre neuzeitliche Ausgestaltung groß dimensionierter Programme zur Vermeidung des Vergessens zu verdanken hat (Weinberg-Report, Fachinformationsprogramme), nun ihr Heil im Vergessen der eigenen methodischen Wurzeln und im nachmachenden Dilettieren ihre Zukunft sieht.

Bisheriges Verständnis einer Informationswissenschaft

Es gab einen Konsens darüber, dass die Existenz einer akademischen Disziplin sinnvoll ist, die fundierte Beiträge liefert, in einer zunehmend komplexer werdenden Welt den effizienten Zugang zur repräsentierten Information zu erleichtern und die menschliche Wissensrezeption zur Wissensaneignung und Entscheidungsvorbereitung zu unterstützen. Eine solche Disziplin Informationswissenschaft wurde als interdisziplinäres Methoden-Konstrukt verstanden, das seine spezifische Kompetenz aus der Fähigkeit zur aufgabenorientierten Verbindung verschiedener Basismethoden bezog, die von keiner der beteiligten Einzeldisziplinen allein bereit gestellt werden können. In diesem Sinn sollte keine disziplinäre Erkenntniswissenschaft geschaffen werden, sondern vielmehr ein Bereich, in dem spezifische Aufgabenstellungen durch die Kombination von Methoden Lösungen zugeführt wurden. Die Vertreter der Informationswissenschaft sahen es als wichtig an, dass sich ein Verständnis der Disziplin als Synergievorgang aus der wechselseitigen Durchdringung und Befruchtung ergab. Historisch sei etwa an die Entwicklungen des Automatischen Indexierens und Klassifizierens mit Unterstützung durch Instrumente der Wissensorganisation und die Gestaltung zugeordneter ergonomischer Retrievalumgebungen erinnert. Zum Kreis der Disziplinen, die in den Disziplinkern Wissensorganisation und Informationsressourcen einwirkten, gehörten insbesondere: Informatik, Informationstechnologie, Sprachwissenschaft und Computerlinguistik, Kommunikations- und Medienwissenschaften, Management und Marketing, Quantitative Datenanalyse und -aggregation, Rechtsfragen. Es muss festgehalten werden, dass es keine organische Weiterentwicklung dieses Verständnisses gegeben hat, dass sich der Methodenkern aufgelöst hat und eine Rückkehr in die Partikularisierung der verschiedenen Teilbereiche eingetreten ist.

Dabei lässt sich ein Trend stabil beobachten: Immer mehr Angehörige der Informationswissenschaft und – praxis mit unterschiedlichen Herkunftsdisziplinen können zwar noch ihre Verbindung zu ihrer Herkunftsdisziplin, nicht aber ihre Verbindung zur Informationswissenschaft angeben. Dagegen ist nichts zu sagen, es stellt vielmehr zunächst einen positiven Schritt weg von der Dominanz des vormaligen Prototypen dar, der immer gerne als Universaldilettant ironisiert wurde. Man wird früher oder später die Frage zulassen müssen: Wollen sich diese Personen als Informationswissenschaftler verstehen oder ihre wissenschaftsfachliche Identifikation in ihrer Ursprungsdisziplin sehen? Ungeachtet aller Qualität der Leistungen Einzelner darf für die Bewertung einer möglichen Antwort nicht übersehen werden, dass für den Einzelnen in der Regel mit einer Tätigkeit in der institutionalisierten Informationswissenschaft der Verlust des Kontaktes zur vorherigen fachlichen Infrastruktur verbunden ist, der nicht durch Kontakte innerhalb einer gleichwertigen Infrastruktur ersetzt wird. Folgen sind: Fachliche Isolation und vermutlich über längere Sicht ein Rückgang der fachlichen Leistungsfähigkeit sowie mangelnde Synergieeffekte innerhalb des neuen multidisziplinären Umfeldes.

Eine Lösung für dieses Problem im Rahmen einer Neuorientierung der Informationswissenschaft kann nur durch eine Selbstverpflichtung ihrer Angehörigen entstehen, wenn im Sinne eines Ganzes-Teil-Prinzips angegeben wird, welcher Teildisziplin der Informationswissenschaft sie sich zuordnen, welche fachlichen Teilfragen sie mit welchen informationswissenschaftlichen Methoden bearbeiten, welche Standards sie dabei beachten.

Ein Wiedereintritt in das alte Verständnis von Informationswissenschaft ist heute nicht mehr möglich. Die Fundierung auf einzelne Teilbereiche, wie der Vorschlag von Walther Umstätter, die Informationstheorie zum Fundament einer Informationswissenschaft zu machen8, ist für eine Neuausrichtung einer Informationswissenschaft ebenfalls nicht empfehlenswert, Rainer Kuhlen hat dies in seiner Antwort schon zutreffend ausgeführt.9 Solche Vorschläge entbehren eines hinreichenden Gestaltungs- und Identifikationspotenzials. Mit ihnen würde man sich immer in Konkurrenz zu Vertretern anderer Bereiche bewegen, die durch ihre Einbindung in den jeweiligen fachlichen Basisbereich über eine fachliche Überlegenheit verfügen. Wissenschaftsfachliche Alleinstellungsmerkmale sind so nicht zu erzielen.

Vorschlag zur Neubestimmung einer Informationswissenschaft

Versuchen wir nun die Skizze eines Vorschlages zur Neubestimmung einer Informationswissenschaft. Wir wollen diese Neubestimmung entlang des Spannungsverhältnisses zwischen technischer Datenmanipulation und kognitiver Informationsverarbeitung vornehmen. Die Belastbarkeit des nachstehenden Vorschlags als möglicher Ausweg aus der Krise muss sehr zurückhaltend betrachtet werden. Es kann sich nur um einen Vorschlag als Baustein einer noch zu führenden Diskussion handeln, der idealerweise ohne Verwässerung gemeinsam mit anderen Vorschlägen im Rahmen einer Gesamtkonstruktion berücksichtigt werden sollte.

In der Zusammenstellung von Fachgebieten für die Informationswissenschaft war das sich selbst als interdisziplinär verstehende Konstrukt der Kognitionswissenschaften noch nicht ausgeprägt berücksichtigt. Durch Big Data und Data Mining haben sich die Methoden und Verfahren zur statistischen und datentechnischen Aggregation und Strukturierung von Massendaten in vormals ungeahnter Weise erweitert und verfeinert. Wir stehen alle unter dem Eindruck der Suchmaschinentechnologie, deren Erfolgsgeschichte weitgehendst ohne informationswissenschaftliche Bezugnahmen möglich war. Sofern der Adressat datentechnischer Aggregationsverfahren der Mensch mit seinen kognitiven Fähigkeiten und Beschränkungen ist – dies hätte doch das bisherige Verständnis von Informationswissenschaft in vollem Umfang bejaht – bleibt es eine Aufgabe, eine Brücke zur kognitiven Aggregation und Strukturierung zu schlagen. Informationswissenschaft könnte die methodische Basisdisziplin eines solchen Brückenschlags sein und eine Beschreibung wie folgt erfahren.

Informationswissenschaft stellt die Methoden bereit, die erforderlich sind, um den Brückenschlag zwischen einem kognitiven und einem Daten bezogenem Informationsverständnis durchzuführen, die insbesondere durch die Fragestellungen:

  • Repräsentation von Information in externen Medien
  • Rezeption von Information aus externen Medien
  • Strukturieren von externalisierter Information in Informationsprodukten zum Zweck des kognitiven Wissenserwerbs und der Entscheidungsvorbereitung

beschrieben werden.

Diese Beschreibung lässt sich wie folgt begründen. Die bisherige Informationswissenschaft hat ihre Wurzeln in Bemühungen, in Dokumenten repräsentiertes Wissen zu strukturieren und für einen Zugang optimiert aufzubereiten. Was also liegt näher, als die Methoden des Strukturierens als den zeitinvarianten Kern für das neuzeitliche Verständnis von Informationswissenschaft anzusehen, um den Aufgaben Rechnung zu tragen, die die Rezeption komplexen und nicht mehr allein an Textdokumente gebundenen Wissens mit sich bringen? Die Zusammenarbeit mit den Bereichen, die das eigentliche Wissen generieren und im Kontext ihrer jeweiligen Wissenschaft mit eigenen Methoden strukturieren, ist hierbei genau so selbstverständlich, wie es in zeitlich zurück liegenden Kontexten erforderlich war.

Es kann nun ein Spannungsverhältnis zwischen diesem Verständnis und dem sich entwickelt habenden Verständnis der Informationsbranche gesehen werden. Gegenüber stehen sich eine interdisziplinäre und an Methoden orientierte Sicht und ein Verständnis als Analyse und Entwicklung von Gesichtspunkten zum Verkauf von Information und daran geknüpften Dienstleistungen. Kurz: Methoden und Inhalte vs. Kampagnen und Aktionen bzw. in Metaphern der Künstlichen Intelligenz: Zielobjekte der Informationswissenschaft sind Menschen mit umfassenden kognitiven Fähigkeiten und nicht autonome Roboter mit begrenztem Handlungsspektrum.

Könnte sich die Informationswissenschaft als ein Teil der Künstlichen Intelligenz begreifen? Nein, denn es geht nicht primär um die Modellierung kognitiver Fähigkeiten zum Zweck der datentechnischen Nachahmbarkeit, sondern um den Einsatz datentechnischer Methoden zur erleichterten kognitiven Rezeption externalisierter Information bestehend aus Kontext abhängig modellierten Daten und dafür notwendiger Struktur. In diesem Sinn bleibt die Datentechnik ein Hilfsmittel, das handelnde Subjekt und damit das zu adressierende Objekt bleibt der Mensch, nicht die um kognitive Leistungen zu erweiternde Maschine. So betrachtet würde sich eine Informationswissenschaft eher in der Nähe von Kognitions- und Kommunikationswissenschaft befinden.

Ob sich die beschriebenen Sichten ausschließen oder vereinbaren lassen, wird in der Bestimmung des Verhaältnisses zwischen der Informationspraxis und ihrer Basiswissenschaft(en) zu gestalten sein und kann hier nicht abschließend beantwortet werden. Als Konsequenzen des hier entwickelte Ansatz können nur die folgenden Punkte angegeben werden:

  • Wer Wissenserwerb, seine Voraussetzungen und kognitiven Prozesse nicht mit Aufgabenstellungen innerhalb der Informationsbranche in Verbindung bringt, braucht keine Informationswissenschaft.
  • Wer Strukturieren von Information nicht für eine interdisziplinäre Kulturtechnik hält, braucht keine Informationswissenschaft.
  • Wer keine Brücke zwischen kognitiver Verarbeitung von Information und maschineller Prozessierung von Daten schlagen will, braucht keine Informationswissenschaft.
  • Wer die Rezeption von Information aus Daten durch das Sender-Empfänger-Modells beschrieben sieht, braucht keine Informationswissenschaft.

Es kann kein Zweifel bestehen, dass mit dem hier vorgebrachten Vorschlag kein Königsweg beschrieben wird. Es muss noch eine lange Wegstrecke zurückgelegt werden, bevor sich eine Informationswissenschaft im akademischen Raum mit stabiler externer Wertschätzung etablieren kann, die nicht nur Berufseinfädelungs-Dienstleister für Bachelor- und Master-Absolventen ist, die sich vielmehr durch die eigenständige Lösung von Zukunftsfragen auszeichnet oder anderen akademischen Disziplinen ihre Mitarbeit anbieten kann. Am fachlichen Profil sind Veränderungen möglich, wahrscheinlich notwendig. Am Erfordernis einer Qualitätsbestimmung und -sicherung nicht. Reine Programmatik wird nicht ausreichen, sie muss durch die angesprochene Ganzes-Teil-Selbstverpflichtung des Einzelnen und durch Etablieren von Qualitätsstandards in der Infrastruktur unterfüttert werden.

Zum Schluss noch ein hausbackener Wunsch. Um jungen Menschen im Rahmen einer Wissenschaft eine Identifikation zu geben, ist es nie verkehrt, wenn ein intellektuelles Wohlfühlensmoment in der Beschäftigung mit den fachlichen Frage vorhanden ist, mit denen man sich gegen andere abgrenzen oder auch vor anderen behaupten, ggf. angeben kann. So wünschenswert die Einfädelung in ein angemessen bezahltes Berufsverhältnis auch ist, als alleinige und dauerhafte Basis zur Identifikation mit der zugrunde liegenden Basiswissenschaft reicht dies nicht aus.

Prof. Winfried Gödert winfried.goedert@th-koeln.de

1 Snow, C.P.: Die zwei Kulturen: Literarische und naturwissenschaftliche Intelligenz – C. P. Snows in der Diskussion. Stuttgart: Klett-Cotta. 1987, S. 16.
2 Eine nützliche Zusammenstellung der verschiedenen Dimensionen des Fortschrittsbegriffs findet man bei: Rapp, F.: Fortschritt: Entwicklung und Sinngehalt einer philosophischen Idee. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1992.
3 Gödert, W.: Hashtag Erschließung. In: http://eprints.rclis.org/24677/
4 Alles Unterstützungskommentare für den Erhalt des Studienangebots Informationswissenschaft an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
5 Vgl.: https://www.change.org/p/petition-zur-erhaltung-des-studienfaches-informationswissenschaft-an-der- heinrich-heine-universit%C3%A4t-d%C3%BCsseldorf-saveiws/c/383115306.
6 Michael Klems unter: http://www.password-online.de/saveiws-das-grosse-theater-der- informationswissenschaften-in-duesseldorf/.
7 Vgl. die DFG-Fachsystematik unter: http://www.dfg.de/dfg_profil/gremien/fachkollegien/faecher/
8 Vgl.: http://www.password-online.de/?wysija- page=1&controller=email&action=view&email_id=46&wysijap=subscriptions. 9 Vgl.: http://www.password-online.de/?wysija- page=1&controller=email&action=view&email_id=46&wysijap=subscriptions.